Der Neunschwänzige Fuchs: Vom göttlichen Tier zur dämonischen Verführerin

Der Fuchs, der seine Geschichte änderte

Kein Wesen in der chinesischen Mythologie hat eine so dramatische Wandlung seines Rufes erfahren wie der Neunschwänzige Fuchs (九尾狐 jiǔwěihú). In seinen frühesten Erscheinungen war er ein glückverheißendes Omen – ein Zeichen für Frieden, Wohlstand und legitime königliche Macht. Im Mittelalter jedoch verwandelte er sich in eine der gefürchtetsten Figuren der ostasiatischen Folklore: eine gestaltwandelnde Verführerin, die Königreiche zerstört, indem sie deren Herrscher korrumpiert.

Wie wird aus einem göttlichen Tier ein Dämon? Die Antwort sagt ebenso viel über die chinesische politische Kultur aus wie über die Mythologie.

Das Original: Ein Segen, kein Fluch

Das Shanhaijing (山海经 Shānhǎi Jīng) stellt den Neunschwänzigen Fuchs im Abschnitt „Klassiker der südlichen Berge“ vor. Dort heißt es, dass auf dem Berg Qingqiu (青丘山 Qīngqiū Shān) ein Tier lebe, ein Fuchs mit neun Schwänzen. Sein Laut klinge wie ein weinendes Baby. Und hier liegt ein entscheidendes Detail des Textes: Wer sein Fleisch esse, werde vor giftigen Insekten geschützt.

Von Verführung keine Spur. Keine Gestaltwandlung. Kein Zerstören von Königreichen. Der ursprüngliche Neunschwänzige Fuchs ist im Wesentlichen ein heilendes Wesen – man isst ihn und erhält Schutz. In noch älteren Traditionen galt das Erscheinen eines Neunschwänzigen Fuchses als Omen dafür, dass ein tugendhafter Herrscher den Thron bestiegen habe. Die neun Schwänze des Fuchses symbolisierten Überfluss, Fruchtbarkeit und die Ausdehnung königlicher Blutlinien.

Die antike Schrift Bamboo Annals berichtet, dass ein Neunschwänziger Fuchs dem Großen Yu (大禹 Dà Yǔ) erschien, als Zeichen dafür, dass er eine Frau aus dem Clan Tushan (涂山 Túshān) heiraten solle. In dieser Erzählung ist der Fuchs im Grunde ein göttlicher Kuppler, der eine politische Ehe legitimiert. Nichts Düsteres. Nichts Dämonisches. Einfach ein pelziger Hochzeitsplaner mit einer übermäßigen Anzahl von Schwänzen.

Die Wende: Daji und der Fall der Shang-Dynastie

Alles änderte sich mit der Geschichte von Daji (妲己 Dájǐ), die sich im Ming-Dynastie-Roman Fengshen Yanyi (封神演义 Fēngshén Yǎnyì) – die „Einsetzung der Götter“ – herausbildete. In dieser Version besitzt ein Neunschwänziger Fuchs den Körper der schönen Daji, die Konkubine von König Zhou (纣王 Zhòuwáng), dem letzten Herrscher der Shang-Dynastie, wird.

Unter Dajis Einfluss lässt König Zhou die Regierung zugunsten des Vergnügens fallen. Er errichtet einen See aus Wein und einen Wald aus Fleisch. Er erfindet sadistische Folterwerkzeuge. Er ignoriert seine Minister. Das Königreich bricht zusammen, und die Zhou-Dynastie (周朝 Zhōucháo) steigt an die Macht.

Der Neunschwänzige Fuchs in dieser Erzählung ist kein glücksverheißendes Omen mehr – er ist eine Waffe kosmischer Zerstörung, eingesetzt von einer Göttin, die eine Dynastie stürzt, die das Mandat des Himmels (天命 tiānmìng) verloren hat. Der Fuchs verdirbt nicht einen unschuldigen König, sondern beschleunigt den Untergang eines bereits verdorbenen Herrschers. Doch im Laufe von Jahrhunderten der Neuerzählung ging diese Nuance verloren, und der Neunschwänzige Fuchs wurde zum Synonym für gefährliche weibliche Sexualität.

Der Fuchs in der Alltagsfolklore

Unterhalb der Ebene der großen Mythologie wurden Fuchsgeister (狐狸精 húli jīng) zu einer der häufigsten Figuren im chinesischen Volksglauben. Die Qing-Dynastie-...

Über den Autor

Mythenforscher \u2014 Vergleichender Mythologe für das Shanhai Jing.

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