Kunlun-Berg: Heimat der Unsterblichen
Jede Mythologie hat ein Zentrum. Für die Griechen war es der Olymp. Für die Nordischen war es Asgard. Für die Hindus war es der Berg Meru.
Für die Chinesen war es Kunlun (昆仑山, Kūnlún Shān).
Doch Kunlun ist seltsamer als all diese anderen heiligen Berge, denn Kunlun könnte auch wirklich existieren. Es gibt tatsächlich eine Gebirgskette namens Kunlun im westlichen China — eine riesige Kette, die sich über 3.000 Kilometer entlang des nördlichen Randes des Tibetischen Plateaus erstreckt. Und die Beziehung zwischen dem mythologischen Kunlun und dem geografischen Kunlun bringt Wissenschaftler seit zweitausend Jahren zur Verzweiflung.
Sind sie derselbe Ort? Beruht der Mythos auf dem realen Berg? Oder wurde der reale Berg nach dem Mythos benannt? Niemand weiß es mit Sicherheit. Und gerade diese Unsicherheit macht Kunlun so faszinierend.
Das mythologische Kunlun
Das Shanhaijing (山海经) beschreibt Kunlun im Klassiker der inneren Meere (海内经, Hǎi Nèi Jīng) und im Klassiker der großen Wildnis (大荒经, Dà Huāng Jīng). Die Beschreibung ist außergewöhnlich:
> 昆仑之丘,是实惟帝之下都。神陆吾司之,其神状虎身而九尾,人面而虎爪。
„Der Hügel von Kunlun ist die untere Hauptstadt des höchsten Gottes. Der Gott Lu Wu bewacht ihn; seine Gestalt ist ein Tigerkörper mit neun Schwänzen, ein menschliches Gesicht und Tigerkrallen.“
Kunlun ist nicht einfach nur ein Berg. Es ist die „untere Hauptstadt“ (下都, xià dū) des höchsten Gottes — der irdische Wohnsitz der obersten Gottheit. Es ist der Ort, an dem sich Himmel und Erde berühren. Es ist die axis mundi, die kosmische Säule, der Nabel der Welt.
Die Beschreibung der Merkmale Kunluns im Shanhaijing liest sich wie ein Immobilienangebot für das Paradies:
| Merkmal | Chinesisch | Pinyin | Beschreibung | |---------------|------------|----------|----------------------------------------------------| | Höhe | 万仞 | wàn rèn | Zehntausend Ren (ungefähr 23.000 Meter) | | Wächter | 陆吾 | Lù Wú | Tigerkörper-Gott mit neun Schwänzen und menschlichem Gesicht | | Bäume | 不死树 | bù sǐ shù | Bäume der Unsterblichkeit | | Wasser | 弱水 | ruò shuǐ | Schwaches Wasser — so dünn, dass nichts darauf schwimmen kann | | Feuer | 炎火山 | yán huǒ shān | Flammenberge, die den Fuß umgeben | | Jade | 玉 | yù | Reichlich vorhandene Jade höchster Qualität | | Bewohnerin | 西王母 | Xī Wáng Mǔ | Die Königsmutter des Westens |Das „Schwache Wasser“ (弱水, ruò shuǐ) ist ein besonders eindrucksvolles Detail. Es ist so wenig substantiell, dass sogar eine Feder darin sinkt. Das Schwache Wasser umgibt Kunlun wie ein Wassergraben und macht den Berg für gewöhnliche Sterbliche unzugänglich. Man kann es nicht mit Schiffen überqueren. Man kann nicht hindurch schwimmen. Man kann es nur überwinden, wenn man fliegen kann — was bedeutet, dass nur Unsterbliche und Götter Kunlun erreichen können.
Hinter dem Schwachen Wasser bilden Flammenberge (炎火山) eine zweite Barriere. Selbst wenn man das Wasser irgendwie überqueren könnte, würde man lebendig verbrannt werden, bevor man den Fuß des Berges erreicht.
Diese konzentrischen Barrieren — Wasser, dann Feuer — bilden eine mandala-artige Struktur, die buddhistische und hinduistische heilige Geographien spiegelt. Das Zentrum ist das Paradies. Die Barrieren sind Prüfungen. Nur die Würdigen können passieren.
Xi Wangmu: Die Königin von Kunlun
Die wichtigste Bewohnerin von Kunlun ist Xi Wangmu (西王母, Xī Wáng Mǔ) — die