Lingzhi: Der Pilz der Unsterblichkeit von Mythos zur Medizin — Shanhai-Perspektive
Der Pilz, der die Ewigkeit versprach
Unter den vielen Substanzen in der chinesischen Mythologie, die Unsterblichkeit versprechen — Pfirsiche, Elixiere, Jade-Tau, Drachenmark — nimmt der Lingzhi (灵芝 língzhī) eine einzigartige Position ein. Es ist der einzige, den man heute tatsächlich in einer Apotheke kaufen kann.
Der Lingzhi-Pilz, im Westen als Reishi bekannt (seinen japanischen Namen), hat einen außergewöhnlichen Weg von der mythologischen Pharmakopöe des Shanhaijing (山海经 Shānhǎi Jīng) zu den Regalen moderner Reformhäuser zurückgelegt. Auf diesem Weg war er eine kaiserliche Besessenheit, ein daoistisches Sakrament, ein Symbol für Glück und — zuletzt — ein Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Forschung.
Mythologische Ursprünge
Das Shanhaijing beschreibt verschiedene magische Fungi, die in abgelegenen Gebirgen wachsen, bewacht von göttlichen Wesen und nur für die Würdigen zugänglich. Der Lingzhi erscheint in der chinesischen Mythologie als das Kraut der Unsterblichkeit (仙草 xiāncǎo) — ein wunderbares Gewächs, das an Orten sprießt, die von himmlischer Energie berührt werden.
In den ausführlichsten mythologischen Erzählungen wächst der Lingzhi an den Hängen des Kunlun-Berges (昆仑山 Kūnlún Shān), in der Nähe des Palastes der Königinmutter des Westens (西王母 Xīwángmǔ). Er gedeiht an Orten, wo das qi (气 qì) von Himmel und Erde zusammentrifft — Orte von außergewöhnlicher natürlicher Harmonie. Einen in der Wildnis zu finden, wurde als Vorzeichen kosmischen Ausmaßes angesehen, gleichbedeutend mit dem Anblick eines Qilin (麒麟 qílín) oder eines Fenghuang (凤凰 fènghuáng).
Der älteste pharmakologische Text der chinesischen Tradition, das Shennong Bencao Jing (神农本草经 Shénnóng Běncǎo Jīng), klassifiziert den Lingzhi als "überlegenes" Kraut — die höchste Kategorie, reserviert für Substanzen, die kontinuierlich ohne Nebenwirkungen eingenommen werden können und die Langlebigkeit sowie geistige Entwicklung fördern.
Die Besessenheit des Kaisers
Kein Herrscher war mehr vom Lingzhi besessen als Qin Shi Huang (秦始皇 Qín Shǐhuáng), der Erste Kaiser Chinas. Nachdem er die kriegerischen Staaten vereint und die Chinesische Mauer gebaut hatte, wandte sich der Kaiser dem einen Feind zu, den er nicht besiegen konnte: dem Tod.
Er schickte Expeditionen in die bekannte Welt, um den Lingzhi und andere Unsterblichkeitsstoffe zu finden. Die berühmteste Expedition, geleitet von dem Alchemisten Xu Fu (徐福 Xú Fú), segelte mit dreitausend jungen Männern und Frauen gen Osten, um die legendäre Insel Penglai (蓬莱 Pénglái) zu finden, wo Unsterblichkeitskräuter wachsen sollten. Xu Fu kehrte niemals zurück. Einige Legenden behaupten, er sei in Japan gelandet und der Vorfahrer des japanischen Volkes geworden — ein Mythos, der sowohl eine gescheiterte Expedition als auch eine benachbarte Zivilisation elegant erklärt.
Die Ironie ist reichhaltig: Der mächtigste Mann in China, der über unbegrenzte Ressourcen verfügte, konnte einen Pilz nicht beschaffen, den moderne Verbraucher für zwanzig Dollar in einem Reformhaus kaufen. Weiterführende Lektüre: Die Pfirsiche der Unsterblichkeit: Die bekannteste Frucht in der chinesischen Mythologie.
Was der Lingzhi wirklich ist
Der Lingzhi ist Ganoderma lucidum, ein Porenpilz, der auf verrottendem Hartholz in warmen, feuchten Umgebungen in ganz Asien wächst. Er hat ein [...]