Nüwa (女娲 Nǚwā) ist die Göttin, die sich eines Nachmittags langweilte und beschloss, Menschen zu machen. Das ist natürlich eine Vereinfachung, aber der Kern des Mythos dreht sich wirklich um ein göttliches Wesen, das auf eine leere Welt blickt und denkt, sie brauche Gesellschaft. Was sie als Nächstes tat – Menschen aus gelber Erde zu formen und dann faul zu werden und Schlamm von einem Seil (oder einer Ranke – der Text sagt 绳 shéng) zu schnippen, um sie massenhaft zu produzieren – ist eine der menschlichsten Schöpfungsgeschichten in jeder Mythologie.
Der Lehm und das Seil
Die früheste detaillierte Version des Schöpfungsmythos stammt aus dem Fengsu Tongyi (风俗通义 Fēngsú Tōngyì), einem Text aus der Han-Dynastie von Ying Shao (应劭 Yīng Shào), der um 195 n. Chr. verfasst wurde. Die Geschichte verläuft folgendermaßen:
Nachdem Himmel und Erde getrennt worden waren (in einigen Versionen von Pangu), wanderte Nüwa allein durch die leere Welt. Sie kam zu einem Flussufer, sah ihr Spiegelbild im gelben Wasser und begann, Figuren aus dem gelben Lehm (黄土 huángtǔ) am Ufer zu formen. Sie modellierte jede Figur sorgfältig — Arme, Beine, Gesicht, Finger — und als sie auf sie blies, wurden sie lebendig.
Aber das war langsame Arbeit. Eine Figur nach der anderen, jede handgefertigt. Nüwa schaute auf die weite, leere Erde und erkannte, dass sie ewig damit beschäftigt sein würde. Also griff sie nach einem Seil (oder einer Ranke) und tauchte es in den Schlamm, um dann zu schnippen. Jeder Tropfen, der landete, wurde zu einem Menschen.
Hier wird es politisch brisant: Die handgefertigten Figuren wurden zu den Adligen und Aristokraten (贵人 guìrén). Die mit dem Seil geschnippten wurden zu den Bürgerlichen (凡人 fánrén). Die alte chinesische Klassenstruktur, gerechtfertigt durch den Schöpfungsmythos. Praktisch, nicht wahr?
Nüwa vor dem Schöpfungsmythos
Die Schöpfungsgeschichte ist tatsächlich eine relativ späte Ergänzung zu Nüwas Mythologie. Im Shanhai Jing (山海经 Shānhǎi Jīng) erscheint sie ohne jegliche Schöpfungserzählung. Der Text erwähnt "女娲之肠" (Nǚwā zhī cháng) — "die Eingeweide von Nüwa" — die sich nach ihrem Tod in zehn Götter verwandelten. Das war’s. Kein Lehm, keine Menschen, nur göttliche Eingeweide, die zu Gottheiten wurden.
Der Chu Ci (楚辞 Chǔcí, "Lieder von Chu"), der auf das 4.–3. Jahrhundert v. Chr. datiert wird, stellt durch den Dichter Qu Yuan (屈原 Qū Yuán) eine provokante Frage:
> 女娲有体,孰制匠之?
"Nüwa hatte einen Körper – wer hat sie geschaffen?"
Wenn Nüwa Menschen gemacht hat, wer hat Nüwa gemacht? Der Text gibt keine Antwort. Er fragt nur. Zweitausend Jahre später fragen wir immer noch.
Den Himmel reparieren: Die andere Hälfte der Geschichte
Die meisten Menschen kennen Nüwa als die Schöpferin der Menschheit, aber ihr anderer großer Mythos ist arguably dramatischer. Der Huainanzi (淮南子 Huáinánzǐ) erzählt die Geschichte:
Der Wassergott Gonggong (共工 Gònggōng) zerschmetterte wütend nach einem verlorenen Kampf um die Vorherrschaft seinen Kopf gegen den Buzhou-Berg (不周山 Bùzhōu Shān), einen der Säulen, die den Himmel stützten. Die Säule brach. Der Himmel riss auf. Feuer und Flut verwüsteten die Erde. Die Welt ging unter.
Nüwa trat ein. Sie:
1. Schmolz farbenfrohe Steine (五色石 wǔsè shí), um den gebrochenen Himmel zu reparieren. 2. Schnitt die Beine einer Riesenschildkröte (鳌 áo) ab, um die gebrochene Säule zu ersetzen. 3. Brennte Schilfrohr, um die Flut zu dämmen. 4. Tötete einen schwarzen Drachen (黑龙 hēilóng), der