Schöpfungsmythologien des Shanhaijing: Wie die Welt (mehrmals) erschaffen wurde

Keine eindeutige Herkunft

Die westliche Kultur hat eine dominierende Schöpfungserzählung: Gott erschuf die Welt in sechs Tagen. Die chinesische Kultur kennt keine gleichwertige einzelne Geschichte. Stattdessen existieren mehrere Schöpfungsmythen nebeneinander, ohne sich zu widersprechen – jeder behandelt einen anderen Aspekt der Entstehung.

Diese Vielzahl ist kein Zeichen von Verwirrung. Sie ist ein Zeichen von Raffinesse. Unterschiedliche Fragen erfordern unterschiedliche Geschichten.

Pangu und das kosmische Ei (盘古开天)

Am Anfang war das Universum ein formloses Chaos in Gestalt eines Eies. Im Inneren des Eies schlief Pangu (盘古) 18.000 Jahre lang. Als er erwachte, spaltete er das Ei mit einer Axt. Die lichte, klare Materie stieg auf und wurde der Himmel (天). Die schwere, dunkle Materie sank und wurde die Erde (地).

Pangu stand zwischen Himmel und Erde, wuchs jeden Tag um zehn Fuß und schob sie auseinander. Nach weiteren 18.000 Jahren waren Himmel und Erde fest verankert. Pangu starb, und sein Körper wurde zur Welt: Sein Atem wurde zum Wind, seine Stimme zum Donner, sein linkes Auge zur Sonne, sein rechtes Auge zum Mond, sein Blut zu Flüssen, sein Fleisch zur Erde.

Dieser Mythos beantwortet die Frage: Wie entstand die physische Welt? Die Antwort lautet: durch Selbstopfer. Die Welt existiert, weil Pangu seinen Körper gab, um sie zu erschaffen. Schöpfung ist kein Akt der Macht. Sie ist ein Akt der Selbstzerstörung. In diesem Zusammenhang sei auch verwiesen auf: Die Zehn Sonnen: Als der Himmel Feuer fing.

Nüwa erschafft die Menschen (女娲造人)

Nachdem die Welt existierte, war sie leer. Die Göttin Nüwa (女娲) fühlte sich einsam. Sie schöpfte gelben Ton vom Flussufer und formte daraus kleine Figuren. Als sie auf sie blies, wurden sie lebendig – die ersten Menschen.

Doch jede Figur von Hand zu formen war langsam. Nüwa tauchte ein Seil in Ton und peitschte es – die Tropfen, die herunterfielen, wurden zu weiteren Menschen. Die handgefertigten Figuren wurden zu Adeligen. Die vom Seil gespritzten Figuren wurden zu gemeinen Leuten.

Dieser Mythos beantwortet die Frage: Warum existieren soziale Klassen? Die Antwort ist unangenehm: Ungleichheit ist in die Schöpfung selbst eingebaut. Die Adeligen wurden sorgfältig gemacht. Die einfachen Leute wurden hastig erschaffen. Der Mythos befürwortet diese Ungleichheit nicht – aber er erkennt sie als grundlegendes Merkmal der Welt an.

Nüwa repariert den Himmel (女娲补天)

Der Himmel riss auf. Wasser strömte durch die Risse und überflutete die Erde. Feuer brach aus dem Boden. Nüwa schmolz fünffarbige Steine und nutzte sie, um den Himmel zu flicken. Sie schnitt die Beine einer riesigen Schildkröte ab, die sie als Säulen einsetzte, um die vier Ecken des Himmels zu stützen.

Dieser Mythos beantwortet eine andere Frage: Warum ist die Welt unvollkommen? Die Antwort lautet: Weil sie zerbrochen und repariert wurde. Der Himmel ist geflickt, nicht original. Die Säulen sind improvisiert, nicht geplant. Die Welt funktioniert, trägt aber die Narben der Katastrophe.

Die Trennung von Yin und Yang

Ein philosophischerer Schöpfungsbericht beschreibt die Entstehung der Welt als Differenzierung des Urchaos (混沌, hùndùn) in Yin und Yang – die komplementären Gegensätze, aus denen alle Phänomene hervorgehen. Licht und Dunkel, heiß und kalt, männlich und weiblich...

Über den Autor

Mythenforscher \u2014 Vergleichender Mythologe für das Shanhai Jing.

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