Pangu und das kosmische Ei: Chinesische Schöpfungsgeschichte
Die älteste chinesische Schöpfungsgeschichte beginnt nicht mit einem Gott, der die Welt ins Dasein spricht. Sie beginnt nicht mit einem göttlichen Handwerker, der Ton formt. Sie beginnt mit einem Ei.
Ein kosmisches Ei, schwebend in der Dunkelheit, das alles, was jemals existieren würde, in sich trug — komprimiert in eine einzige, unvorstellbar dichte Schale. Und in diesem Ei schlief Pangu (盘古, Pángǔ).
Er schlief achtzehntausend Jahre.
Als er schließlich aufwachte, war er eingeengt, verwirrt und — so möchte ich mir vorstellen — extrem genervt. Das Ei war dunkel. Das Ei war klein. Pangu aber war groß und wurde immer größer. Also tat er das einzig Vernünftige: Er nahm eine Axt und schlug das Ei auf.
Dieser Riss war der Anfang von allem.
Der Quellentext
Der Pangu-Mythos erscheint nicht in den ältesten chinesischen Schriften. Man findet ihn weder im Shang Shu (尚书, Shàng Shū – Buch der Urkunden) noch im Shi Jing (诗经, Shī Jīng – Klassiker der Dichtung). Die früheste schriftliche Version stammt von Xu Zheng (徐整, Xú Zhěng), einem Gelehrten der Zeit der Drei Reiche (三国, Sān Guó), der den Mythos um 220 n. Chr. in einem Werk namens Sanwu Liji (三五历纪, Sān Wǔ Lì Jì – Historische Aufzeichnungen der Drei Herrscher und Fünf Götter) festhielt.
Xu Zhengs Version ist knapp und fast schon sachlich:
> 天地混沌如鸡子,盘古生其中。万八千岁,天地开辟,阳清为天,阴浊为地。盘古在其中,一日九变。神于天,圣于地。天日高一丈,地日厚一丈,盘古日长一丈。如此万八千岁,天数极高,地数极深,盘古极长。
Übersetzung: „Himmel und Erde waren durcheinander wie ein Hühnerei, und Pangu wurde darin geboren. Nach achtzehntausend Jahren trennten sich Himmel und Erde – das klare Yang (阳, yáng) stieg empor und wurde Himmel, das trübe Yin (阴, yīn) sank und wurde Erde. Pangu stand dazwischen und veränderte sich täglich neun Mal. Er war göttlich im Himmel, weise auf der Erde. Jeden Tag stieg der Himmel um einen Zhang (丈) höher, die Erde wurde um einen Zhang dicker, und Pangu wurde einen Zhang größer. Nach weiteren achtzehntausend Jahren war der Himmel extrem hoch, die Erde extrem tief, und Pangu extrem groß.“
Ein Zhang (丈) entspricht ungefähr 3,3 Metern. Rechnet man das aus: Nach achtzehntausend Jahren, in denen er jeden Tag um einen Zhang wächst, wäre Pangu etwa 21,7 Millionen Kilometer groß. Das sind knapp 14 % der Entfernung von der Erde zur Sonne. Die alten Chinesen dachten also nicht gerade klein.
Die Trennung
Der zentrale Akt im Pangu-Mythos ist die Trennung. Vor Pangu war alles vermischt – Licht und Dunkel, schwer und leicht, heiß und kalt. Der chinesische Begriff für diesen Urzustand ist hundun (混沌, hùn dùn), was „Chaos“ bedeutet, aber eher eine undifferenzierte Ganzheit als bloße Unordnung bezeichnet.
Pangus Axtschlag trennt das Helle vom Dunklen. Die hellen, klaren Elemente (Yang, 阳) steigen auf und bilden den Himmel (天, tiān). Die schweren, trüben Elemente (Yin, 阴) sinken herab und werden zur Erde (地, dì). Pangu steht dazwischen, hält den Himmel mit seinen Händen hoch und drückt die Erde mit seinen Füßen nieder, damit sie nicht wieder zusammenfallen.
Dieses Bild – ein Riese, der Himmel und Erde auseinanderhält – ähnelt auffallend dem griechischen Mythos von Atlas, der den Himmel trägt. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. Atlas ist puni...