Der Fusang-Baum: Wo die Sonnen aufgehen und die Welt beginnt — Shanhai-Perspektive

Der Baum, wo der Morgen beginnt

Irgendwo im Tanggu-Tal (汤谷 Tānggǔ), in den brodelnden Gewässern des östlichen Ozeans, wächst ein Baum so gewaltig, dass sein Blätterdach den Himmel berührt und seine Wurzeln den Ozeanboden erreichen. Dies ist der Fusang-Baum (扶桑 Fúsāng) — die kosmische Ruchstelle, wo zehn Sonnen zwischen ihren Himmelsdurchgängen rasten, und die Startrampe für jeden Sonnenaufgang, den die Welt je gekannt hat.

Das Shanhaijing (山海经 Shānhǎi Jīng) beschreibt den Fusang mit charakteristischer Sachlichkeit: "In dem heißen Wasser steht der Fusang-Baum. Die zehn Sonnen baden dort. Er liegt nördlich der Nation der Schwarzen Zähne. Im Wasser steht ein großer Baum. Neun Sonnen ruhen auf seinen unteren Ästen und eine Sonne ruht auf seinem oberen Ast."

Das Zehn-Sonnen-System

In der chinesischen Mythologie hat der Himmel nicht nur eine Sonne — er hat zehn. Diese zehn Sonnen sind die Kinder von Dijun (帝俊 Dìjùn) und Xihe (羲和 Xīhé), der Sonnengöttin. Jeden Tag steigt eine Sonne von den unteren Ästen des Fusang-Baumes zu seiner Krone empor und überquert dann den Himmel in einem von Xihe gesteuerten Wagen. Am Ende des Tages sinkt die Sonne zum Ruomu-Baum (若木 Ruòmù) im fernen Westen hinab. Am nächsten Morgen übernimmt eine andere Sonne ihren Platz.

Dieses System funktionierte perfekt über Äonen hinweg — ein himmlischer Schichtrotationplan, so organisiert wie jeder moderne Arbeitsplatz. Die Sonnen wechselten sich ab. Xihe verwaltete den Zeitplan. Die Welt erhielt genau die richtige Menge an Licht und Wärme.

Eines Tages jedoch beschlossen alle zehn Sonnen, gleichzeitig zu erscheinen. Die Erde verbrannte. Die Ernten starben. Flüsse verdampften. Und der Bogenschütze Houyi (后羿 Hòuyì) schoss neun von ihnen aus dem Himmel, sodass nur die eine Sonne übrig blieb, die wir heute sehen. Der Fusang-Baum steht vermutlich noch im östlichen Ozean, aber jetzt beherbergt er nur einen einzigen Mieter, wo einst zehn rasten.

Das brodelnde Meer

Der Fusang-Baum wächst in Wasser, das als brodelnd beschrieben wird — das Tanggu oder "heiße Tal." Dieses Detail ist nicht dekorativ. In der chinesischen kosmologischen Denkweise ist Wärme das natürliche Nebenprodukt solarer Energie. Zehn Sonnen, die sich im selben Gewässer ausruhen, würden genug Wärme erzeugen, um den Ozean um sie herum zum Sieden zu bringen.

Das ist Mythologie, die mit einer internen Logik operiert, die der Physik nahekommt. Die Autoren des Shanhaijing stellten sich nicht einfach nur zehn Sonnen in einem Baum vor — sie betrachteten die thermischen Konsequenzen, die sich aus der Nähe von zehn Sonnen ergeben. Das brodelnde Meer ist keine zufällige Fantasie. Es ist eine logische Deduktion aus Prämissen, die zufällig mythologisch sind.

Die heißen Quellen und geothermalen Aktivitäten, die an den östlichen Küsten Chinas und Japans zu finden sind, mögen zu dieser Bildsprache beigetragen haben. Alte Seefahrer, die auf warme Ozeanströmungen oder vulkanisch beheizte Gewässer stießen, hätten eine sofortige Erklärung gehabt: Sie waren in der Nähe des Ortes gesegelt, wo die Sonnen baden.

Weltbäume über die Zivilisationen hinweg

Der Fusang-Baum gehört zu einem globalen Muster der Weltbaum-Mythologie. Der nordische Yggdrasil verbindet neun Reiche. Der mesoamerikanische Ceiba-Baum verbindet die Unterwelt, die Erde und den Himmel. Der hinduistische Ashvattha ist der kosmische Baum des Lebens.

Doch der Fusang hat ein charakteristisches Merkmal, das ihn von...

Über den Autor

Mythenforscher \u2014 Vergleichender Mythologe für das Shanhai Jing.

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