Jede Mythologie braucht einen Ort, an dem das Licht stirbt. Für die alten Chinesen hatte dieser Ort einen Namen: Ruomu (若木 Ruòmù), der Baum am Rand der westlichen Wildnis, wo die zehn Sonnen nach ihrer langen Reise über den Himmel zur Ruhe kamen. Wenn der Fusang-Baum (扶桑 Fúsāng) im Osten der kosmische Wecker war, war Ruomu das Bett — schlaff, warm, schwach glühend mit der letzten Wärme eines gut verbrachten Tages.
Der westliche Gegenpart, über den niemand spricht
Die meisten Menschen, die in die chinesische Mythologie eintauchen, hören ziemlich schnell von Fusang. Zehn Sonnen, ein riesiger Maulbeerbaum im Osten, die ganze dramatische Szenerie. Aber Ruomu? In den meisten englischsprachigen Quellen wird ihm vielleicht ein Absatz gewidmet, was schade ist, denn ohne ihn fällt das gesamte kosmologische Framework auseinander.
Das Shanhai Jing (山海经 Shānhǎi Jīng), unsere Hauptquelle für solche Dinge, platziert Ruomu im fernen Westen — das Dahuang Xijing (大荒西经 Dàhuāng Xī Jīng), oder "Klassik der großen westlichen Wildnis." Der Text beschreibt es einfach, aber lebhaft: ein Baum mit roten Blüten, die mit restlicher Solarwärme glühen. Seine Äste strecken sich nicht wie die von Fusang nach oben. Sie hängen herab. Sie sind schlaff. Sie hängen wie Arme, die zu müde sind, um sich zu heben.
In diesem Bild liegt etwas fast Poesie. Der östliche Baum streckt sich empor, um die Sonnen in den Himmel zu befördern; der westliche Baum beugt sich, um sie aufzufangen, während sie fallen.
Was der Text tatsächlich sagt
Der ursprüngliche Abschnitt im Shanhai Jing ist charakteristisch kurz:
> 大荒之中,有山名曰日月山,天枢也。吴姖天门,日月所入。
Der Ruomu wächst nahe dem Riyue Shan (日月山 Rìyuè Shān) — wörtlich "Sonne-Mond-Berg" — der im Text als tianmen (天门 tiānmén), ein "Himmelstor," identifiziert wird. Hier treten die Sonnen am Ende eines jeden Tages ein. Der Berg und der Baum bilden zusammen eine Art kosmologische Anlegestelle.
Spätere Kommentatoren, insbesondere Guo Pu (郭璞 Guō Pú) im 4. Jahrhundert n. Chr., fügten weitere Details hinzu. Er beschrieb die Blüten des Ruomu als ähnlichen Lotusblüten, die Licht ausstrahlen — nicht reflektiertes Licht, sondern ihre eigene Lumineszenz, die sie über viele Jahrtausende von den Sonnen absorbiert hatten.
Das kosmologische Framework: Ost-West-Achse
Um zu verstehen, warum Ruomu wichtig ist, muss man das große Ganze sehen. Die alte chinesische Kosmologie hatte nicht nur ein vages Gefühl von "Osten ist Sonnenaufgang, Westen ist Sonnenuntergang." Sie hatte ein präzises, strukturiertes Modell:
| Element | Osten (Fusang) | Westen (Ruomu) | |---------|----------------|----------------| | Baum | 扶桑 Fúsāng | 若木 Ruòmù | | Funktion| Sonnen gehen | Sonnen kommen | | Astrichtung | Aufwärts | Abwärts | | Assoziierte Qualität | Yang 阳 | Yin 阴 | | Zeit | Morgen | Abend | | Mythischer Treiber | Xihe 羲和 | — |Die Sonnengöttin Xihe (羲和 Xīhé) lenkte ihren Wagen, der jeden Tag eine Sonne trug, von Fusang quer über den Himmel. Am Abend würde die Sonne in die herabhängenden Äste von Ruomu einkehren. Am nächsten Morgen würde eine andere Sonne ihren Platz einnehmen. Zehn Sonnen, zehn Tage in der alten chinesischen Woche (旬 xún) — die Mathematik stimmte perfekt.
Das war nicht nur Geschichtenerzählen. Es war ein Kalendersystem, das in Mythologie eingehüllt war. Die Shang-Dynastie (商朝 Shāng C)